Herbststürme – Kapitel 1

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Und hier Kapitel 1:

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„Das kann nicht euer Ernst sein!“

Pia Röcker sah einen nach dem anderen an und überlegte krampfhaft, ob sie etwas falsch aufgefasst hatte. Doch der schuldbewusste Blick ihrer Mutter sprach Bände, da dämmerte es ihr: Sie hatte sehr wohl alles richtig verstanden!

Habt ihr sie noch alle? Ein – ganzes – Jahr! Wisst ihr denn, wie lang das ist?“

„Oh, ja klar – es sind genau dreihundertfünfundsechzig Tage. Außer – wir hätten ein Schaltjahr“, erwiderte ihr Stiefbruder Alexander in aller Seelenruhe und widmete sich wieder hingebungsvoll seinem Steak.

Pia verschluckte die Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag. Nur ihre sonst so sanften, braunen Augen feuerten wütende Blicke in Alexanders Richtung ab, die aber verpufften, da er den Blick stur auf seinen Teller gesenkt hielt. Sie strich eine dunkle Strähne hinter ihr Ohr, suchte den Blick ihrer Mutter, die sie nicht aus den Augen ließ, und krauste ungehalten die Nase.

„Mama, wie soll das gehen?“

„Nun ja, Tobias ist schließlich jeden Tag bis zwei Uhr in der Schule …“

Pia ließ ihre Mutter gar nicht erst ausreden. „Super! Soll ich jetzt mein Fotostudio vielleicht ein Jahr lang nur noch halbtags öffnen?“

„Ist doch nicht das erste Mal, dass sie weg sind“, meldete sich Alexander erneut zu Wort.

Sein süffisantes Grinsen brachte Pia endgültig auf die Palme. „Halt du bloß die Klappe!“, zischte sie in seine Richtung, lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück und betrachtete die versammelte Runde, in der jeder plötzlich ihrem Blick auswich oder sich sehr geschäftig auf den eigenen Teller konzentrierte.

Sie waren eine typische Patchwork-Familie: Ihre Mutter, Marie, hatte vor dreizehn Jahren den alleinerziehenden Witwer, Fred Pröhl, kennen- und liebengelernt. Jeder hatte ein Kind mit in die Ehe gebracht: Marie, die damals dreizehnjährige Pia, und Fred, den fünfzehnjährigen Alexander. Aus vier wurden dann später mit Tobias fünf. Sechs, wenn man den Hund mitzählte, der treuherzig neben Tobias auf der Holzterrasse lag und immer wieder laut schnaufte, als wundere er sich über die Aufregung, die plötzlich am Tisch herrschte.

Alle saßen sie an diesem sommerlichen Sonntagmittag auf der Terrasse ihres Elternhauses beim Mittagessen. Der Grill qualmte noch am Rand der Terrasse vor sich hin, die Blumen im Garten standen in voller Blüte und die Rosen ihrer Mutter verströmten einen fast schon betörenden Duft. Der Rasen war frisch gemäht und die Nussbäume, auf denen sie als Kinder immer geklettert waren, bogen sich schon jetzt unter den Massen unreifer Nüsse.

Obwohl die heute sechsundzwanzigjährige Pia und der zwei Jahre ältere Alexander nicht mehr zu Hause wohnten, war es Tradition, sich jeden zweiten Sonntag im Monat bei den Eltern zu treffen. Vor einer Stunde war Pia gutgelaunt eingetroffen und bis vor kurzem hatte alles nach einem gemütlichen Familienessen ausgesehen. Bis Fred ganz beiläufig verkündet hatte, dass das Institut für Klimatologie und Meteorologie, an dem er und Marie als Dozenten beschäftigt waren, einen einjährigen Forschungsauftrag erhalten habe. Diese Nachricht war wie eine Bombe in die friedliche Sonntagstimmung geplatzt. Und Pia hatte sofort hellhörig nachgefragt, wer denn dann in dieser Zeit auf Tobias aufpassen würde.

Ihre Mutter hatte erst mal sehr bedeutsam geschwiegen und Pia hatte augenblicklich nichts Gutes geschwant, was durch Alexanders nächsten Satz auch bestätigt wurde.

Der hatte nämlich im Brustton der Überzeugung erklärt, alles wäre kein Problem, schließlich hätte Pia schon häufiger auf Tobias aufgepasst. Pia war daraufhin ganz gegen ihr ruhiges, ausgeglichenes Naturell losgegangen wie eine Rakete und sie schäumte immer noch.

„Reg dich doch nicht so auf“, meinte Alexander jetzt gelangweilt und sah als Einziger auf.

„Wenn du alles besser weißt, dann kümmere du dich doch um Tobias. Schließlich ist er auch dein Bruder!“

„Fred, jetzt sag doch auch mal was!“, forderte Pias Mutter ihren Mann auf, während Pia weiterhin wütende Blicke mit Alexander tauschte.

Pias Stiefvater räusperte sich umständlich, doch Tobias platzte dazwischen. „Tucker muss auch versorgt werden.“ Noch während er redete, steckte er unauffällig seinem Mischlingshund ein Fleischstückchen zu.

Pia sah, wie ihr zehnjähriger Bruder, um den es bei dieser Diskussion ging, grinsend erst zu ihr, dann wieder zu Alexander schaute. Nun tippte er sich zu allem Überfluss noch mit dem Zeigefinger an die Stirn. Sein nächster Kommentar ließ keinen Zweifel: „Die spinnen doch wieder, die beiden.“

„Tobi, bitte halt du dich da raus!“ Ihre Mutter schüttelte besorgt den Kopf und gab ihrem Mann einen Schubs. „Also, Fred, was wolltest du sagen?“

„Erst mal ganz ruhig, Pia. Wir finden eine Lösung! Auch wenn alles für euch sehr überstürzt kommt. Es war für uns lange nicht klar, ob wir überhaupt eine Finanzierung hinbekommen. Warum sollte ich im Vorfeld schon alle Pferde scheu machen?“

„Aha!“ Pia knirschte mit den Zähnen. „Nur mal so rein interessehalber. Wie lange plant ihr das schon? Schließlich kommt man doch nicht zwischen Tür und Angel auf so eine Schnapsidee! Mama?“, als sie kollektives Schweigen als Antwort erntete, hakte sie nach.

„Nun ja … Ein halbes Jahr vielleicht. Aber …“

Fred ließ ihre Mutter nicht ausreden. „Wir wissen gerade erst seit vier Wochen, dass wir fliegen können. Dies ist eine einmalige Chance für unser Institut.“

„Ha – super! Und wie sollen wir das so kurzfristig organisieren?“ Pias Entrüstung war nicht zu überhören.

„Du hast ja recht. Wir hätten schon längst mit euch reden sollen. Aber zuerst warst du wochenlang jedes Wochenende mit Hochzeiten ausgebucht, dann war Alex in Düsseldorf. Sieh mal, wie deine Mutter schon sagte, Tobias ist jeden Tag bis vierzehn Uhr in der Schule. Er kann dann direkt zu dir ins Fotostudio gehen, dort seine Hausaufgaben machen, er stört auch bestimmt nicht …“

Pia schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen bei den Erklärungsversuchen ihres Stiefvaters. „Er wird sich zu Tode langweilen. Bei mir ist zurzeit die Hölle los. Ich werde mich nicht um ihn kümmern können, geschweige denn, ihm bei den Hausaufgaben helfen. Wie stellt ihr euch das vor? Erst das Weihnachtsgeschäft, dann Silvester. Hab ich das dann hinter mir, kommen schon wieder die ganzen Hochzeiten im Frühling … Ein – ganzes – Jahr, Mama!“

Fred ließ seine Frau auch jetzt erst gar nicht zu Wort kommen. „Was hältst du davon, wenn wir eine Halbtagskraft für dich suchen? Ich übernehme auch die Kosten.“

„Kommt nicht in Frage! Wenn überhaupt, zahle ich die Aushilfe.“ Pia merkte selbst, dass sie nur noch halbherzig protestierte.

„Meinst du vielleicht, uns fällt das leicht? Aber es ist doch nur ein Jahr.“ Marie versuchte nun, die gereizte Stimmung zu beschwichtigen.

„Nur?“ Pia verschlug es kurzzeitig die Sprache. Ein Jahr konnte unendlich lang sein. Ein Jahr lang ihren kleinen Bruder zu versorgen, war eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Nicht, dass sie dies nicht wollte, aber sie besaß das Fotostudio, das sie in der jetzigen Aufbauphase schon genug forderte. Sie schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht. Bitte, Mama, das ist unmöglich.“

Ihre Mutter nickte betrübt. Sie verschränkte ihre Hand mit der ihres Mannes. „Ich hab’s geahnt. Fred, ich bleibe hier, das hat doch keinen Sinn.“

„Marie, das kommt überhaupt nicht in Frage. Pia, lass uns vernünftig überlegen, ob wir nicht eine Lösung finden können. Ich brauche deine Mutter vor Ort.“

Ich weiß wirklich nicht, was an dieser Schnapsidee vernünftig ist!“ Pia verkniff sich ein frustriertes Lachen. Sie legte ihr Besteck neben ihren Teller und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. „Jetzt mal ernsthaft. Wie soll das funktionieren? Ich hab jetzt mein zweites Weihnachtsgeschäft vor mir. Endlich schreibe ich schwarze Zahlen …“

„Ach was? So schnell?“ Alexander mischte sich erstmals wieder ein und schob grinsend ein Stück Brokkoli in den Mund.

„Ja, so schnell!“ Pia schnitt eine Grimasse und beherrschte sich gerade noch, ihm wütend die Zunge rauszustrecken. Ihr Tonfall nahm eine fast flehende Klangfarbe an. „Bitte, Mama. Kann Tante Monika nicht einspringen?“

„Nein! Bitte nicht!“ Tobias sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen und Pia bekam ein schlechtes Gewissen, als sie an die ledige, etwas schrullige Schwester ihrer Mutter dachte.

„Das wäre wirklich die allerletzte Lösung“, murmelte ihre Mutter und senkte wieder den Blick. „Aber mit Heidi hab ich schon gesprochen, sie wird ab und zu einspringen.“

„Wann denn? Vielleicht, wenn sie einmal im Jahr keinen Notdienst hat?“ Pia schüttelte den Kopf; das war mehr als unrealistisch, schließlich arbeitete Heidi Wartmann, die Freundin ihrer Mutter, als Notärztin und war eher unterwegs als zu Hause. „Also bitte, Mama, sei mal realistisch. Es bleiben also nur Alex und ich, aber ich kann es nicht machen, selbst wenn ich wollte. Es geht nicht – egal, was der da sagt.“ Sie zeigte mit der Gabel auf Alexander, der sich sein Essen ungerührt schmecken ließ.

Alexander hob den Kopf und streifte sie kurz mit seinem ureigenst für sie reservierten, überheblichen Blick, was Pia jedes Mal einen Schock versetzte und sie traurig stimmte.

Es war kaum zu glauben, dass einmal alles ganz anders gewesen war: Alexander und sie waren vom ersten Moment an unzertrennlich gewesen, als ihre Mutter und Fred geheiratet hatten, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein konnten: Alexander, groß und kräftig, blonde, lockige Haare, die er meist zum Pferdeschwanz zusammenband. Sie, zierlich und klein, mit schwarzen Haaren, die ihr bis zur Hüfte reichten. Er offen, kontaktfreudig und immer ein lustiges Wort auf den Lippen, sie selbst verschlossen, eher ruhig und gern für sich. Und trotz aller Unterschiede hatten sie von der ersten Minute einen ganz besonderen Draht zueinander gehabt.

Doch aus heiterem Himmel hatte im letzten gemeinsamen Skiurlaub vor einem Jahr die Stimmung umgeschlagen. Pia konnte sich bis heute nicht erklären, warum Alexander ihr seither aus dem Weg ging und sich ihr gegenüber so feindselig verhielt.

„Jetzt mach mal einen Punkt, Pia! Der da hat außerdem einen Namen.“ Marie blickte wütend von einem zum anderen.

„Er fängt doch immer an.“ Pia stocherte in ihrem Salat. „Ich wüsste nicht, wie es hinhauen sollte“, grummelte sie.

Die da“, Alexander deutete seinerseits mit der Gabel auf Pia, „… ist doch bloß immer noch sauer, weil ich nicht ihre blöde Buchhaltung mache.“

Hast du sie noch alle?“ Pia platzte der Kragen. Nie im Leben hätte sie zugegeben, dass er die Wahrheit aussprach. „Träum weiter.“

„Mensch, Pia – Alex. Was ist denn los mit euch? Könnt ihr euch eigentlich nicht mehr wie normale Menschen unterhalten? Das ist ja inzwischen kaum noch auszuhalten.“ Man konnte den Ärger ihrer Mutter deutlich aus den Worten heraushören. Marie stapelte zwei Schüsseln aufeinander und stand auf. „Ich wusste doch gleich, es geht nicht.“

„Marie, setz dich!“ Fred hielt seine Frau am Arm zurück. „Pia, ich weiß, dass es eine echte Zumutung ist, aber sag mir, was ich tun soll. Ich setze wirklich alle Hebel in Bewegung. Ich stelle ein Kindermädchen ein, aber ich kann und möchte die Reise nicht absagen. Das wäre ein Fiasko für den Lehrstuhl.“

„Und warum ausgerechnet Salo-Dingsda? Kann man euch da überhaupt erreichen?“ Pia war jetzt kurz davor, in Tränen auszubrechen, da sie selbst merkte, wie sie immer mehr einknickte und der Berg vor ihren Augen immer größer wurde.

„Sa-lo-monen, Pia. Die Inseln liegen bei Papua-Neuguinea und nur jetzt ist dort Regenzeit. Natürlich sind wir dort erreichbar, schließlich gibt es heutzutage Skype und Handys. Und, bitte, du kannst es dir denken … Ich brauche deine Mutter, sie ist genau auf die Vorhersagen solcher tropischen Stürme spezialisiert. Und … es ist schließlich nicht das erste Mal, dass sie mitkommt.“

„Da waren es höchstens ein paar Wochen. Aber – ein Jahr. Oh, Mann!“ Pias schlechtes Gewissen pochte nun schon unerträglich in ihrem Kopf. Sie wusste selbst, irgendwie würde es schon gehen. „Ich kann Tucker gerne zu mir nehmen, aber … ich weiß nicht …“

„Wir könnten uns abwechseln. Drei Tage du, drei Tage ich. Wochenende gemeinsam.“

„Ich – arbeite – samstags“, knurrte Pia Alexander an.

„Ach was?“

Pia wusste wohl, Alexander machte dies mit Absicht, doch sie tappte stockvoll in die Falle und stieß einen genervten Seufzer aus, den er mit einem fiesen Grinsen quittierte. Fast gleichzeitig gab er seinem kleinen Bruder einen Schubs. „Dann halt den halben Samstag gemeinsam. Na, wie wäre das, Kumpel?“

„Super! Bitte, Pia!“

Als Tobias sie mit seinen großen, hellblauen Augen anstrahlte, schmolz Pia dahin. Wie immer hatte sie keine Waffe gegen sein Lächeln. Vom ersten Moment an war sie in diesen kleinen Sonnenschein vernarrt gewesen. Trotzdem wollte sie nicht kampflos aufgeben. „Und wie soll das dann rein logistisch gehen? Ich hab keinen Platz in meiner Wohnung.“

„Dann ziehen wir beide eben wieder hier ein. Du in dein altes Zimmer, ich in meines.“

„Nie im Leben!“, protestierte Pia.

„Herrgott, sei doch einmal vernünftig. Hier geht es um Tobias. Nicht um dich, nicht um mich! Ich könnte es einrichten. Ich bin bis zum Wirtschaftsprüferexamen im Frühjahr von der Firma freigestellt. Es ist egal, wo ich lerne. Prüfung hab ich erst im März, dann ist das erste halbe Jahr schon rum. Ich könnte anschließend versuchen abzuklären, ob ich teilweise von zu Hause arbeiten darf. Vorschlag zur Güte: Du kümmerst dich morgens vor der Schule um ihn und abends, den Rest mach ich.“

„Wer kocht, wer spült, wer wäscht? Du vielleicht?“ Pia wurde knallrot vor Wut, gab aber nach, als sie den frustrierten Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah.

„Okay, ich mach’s. Aber nur, wenn der Kerl hier nicht einzieht!“, sprach’s, schnappte einen Stapel Teller und verschwand in der Küche. Hinterdrein hallten ihr die unterschiedlichsten Kommentare.

Erst ein jubelndes: „Super, Pia. Ich bin auch ganz brav.“

Dann ein besorgtes: „Pia, bitte.“

Und schließlich ein brummiges: „Diese blöde …“.

Sie wollte Alexanders Ausführungen gar nicht hören und gab der Küchentür einen Stoß, die so lautstark ins Schloss krachte, dass die Gläser im Schrank klirrten. Jetzt konnte sie einen Fluch nicht mehr unterdrücken.

Ein Jahr lang musste sie jetzt diesen arroganten Affen ertragen, der sich seit neuestem aufführte, als sei sie aussätzig. Mann, das konnte ja heiter werden!

„Was sollst du?“ Alexandra Frey starrte Pia verblüfft an. Sie schüttelte ihre roten Locken, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren und dabei ausladend hin- und her schwangen. Ihre grünen Augen leuchteten vor Neugier, sodass sich Pia unter ihrem Blick ziemlich unbehaglich fühlte.

„Du hast es völlig richtig verstanden. Fred und Mama fliegen in acht Wochen auf die Salomonen, irgendeine Miniwinz-Insel bei Neuguinea. Für ein Jahr! Und ich hab die zweifelhafte Ehre, Tobias zu versorgen … zusammen mit Alex.“

„Und wie soll das bitte funktionieren?“ Alexandra verschränkte ihre Arme vor der Brust und lehnte sich an den Kleiderschrank, den sie eben ausgewischt hatte. „Alex und du – oh jemine!“

Pia lachte. Nach einer unruhigen Nacht hatte sie sich inzwischen etwas vom Schrecken erholt, wenn auch noch nicht beruhigt. Sie war nach Ladenschluss auf einen Abstecher bei ihrer besten Freundin vorbeigefahren und hatte diese mitten in einer groß angelegten Putzaktion vorgefunden. Beide standen sie nun im Kinderzimmer von Alexandras Bruder Daniel und hier sah es ähnlich unordentlich aus wie bei Tobias. Die beiden Zehnjährigen schienen sich nicht nur gut zu verstehen, sondern waren offenbar mit demselben chaotischen Ordnungssinn ausgestattet. Auf dem Boden gab es kaum ein Fleckchen, das nicht mit Legobauwerken zugestellt war und der Schreibtisch sah aus, als würde er demnächst unter der Last zusammenbrechen.

„Wenn du mir sagst, was dich an der Situation so amüsiert, kann ich vielleicht mitlachen.“ Alexandras Stimme klang etwas mürrisch.

„Ich denke gerade, dass mir dann das Gleiche blüht.“ Pia deutete auf den Wassereimer und das Chaos und lächelte ihre Freundin an. Alexandra war ein Jahr älter als sie selbst. Sie hatten sich einst kennengelernt, als Daniel sich mit Tobias verabredet hatte. Beiden Frauen waren, wie Daniel und Tobias, heute unzertrennlich. Auch die Familien hatten sich angefreundet und viel gemeinsam unternommen. Alles passte damals wunderbar.

Doch dann hatte das Schicksal grausam zugeschlagen: Ein Geisterfahrer hatte vor fünf Jahren Alexandras Eltern in den Tod gerissen. Die damals zweiundzwanzigjährige Alexandra hatte von heute auf morgen ihr Studium abgebrochen und ohne zu klagen die Aufgabe auf sich genommen, sich um ihre jüngeren Geschwister, Daniel und Nathalie, zu kümmern. Das alles beeindruckte Pia immer wieder aufs Neue. Sie unterstützte Alexandra, wann immer sie konnte. Ebenfalls imponierte Pia, dass Alexandra selten jammerte und nie aufgab.

Dieses Unglück hatte die jungen Frauen noch mehr zusammengeschweißt. Die Freundschaft war beständig wie der Kölner Dom, wie Alexandra einmal auf einem Ausflug dorthin staunend zu Pia gesagt hatte: „Wenn wir mal so alt sind und immer noch befreundet, dann waren wir wirklich unzertrennlich.“

Sie hatte nur lachend den Kopf geschüttelt und entgegnet: „Sei mir nicht böse, Lexi. Aber ich hab nicht vor, neunhundert Jahre alt zu werden.“

„Ich meine doch nicht den Dom!“, hatte Alexandra lächelnd erwidert und auf zwei ältere Damen gezeigt, die etwas abseits, einander untergehakt auf dem Domplatz standen, und ebenfalls das herrliche Gebäude bestaunten.

Pia schüttelte die Erinnerungen ab und beschäftigte sich wieder mit den Problemen der Gegenwart. „Das wird der blanke Horror.“

„Stellt sich Alex immer noch so komisch an?“, fragte Alexandra.

„Schlimmer! Der guckt mich immer an, als würde er mich am liebsten auf den Mond schießen.“

„Hat er jemals rausgelassen, was eigentlich los ist?“

„Ich hab keinen Schimmer.“ Pia schüttelte den Kopf und wechselte das Thema. „Lexi, kann Nathalie vielleicht am Wochenende wieder bei mir aushelfen?“ Alexandras inzwischen fünfzehnjährige Schwester assistierte ihr immer mal wieder beim Shooting von Hochzeiten.

„Ich frag sie. Aber sie ist momentan überhaupt nicht gut drauf.“

„Pubertät oder ihr Auge?“, hakte Pia nach. Nathalie war damals bei dem Unfall so schwer verletzt worden, dass sie nur knapp überlebt und vermutlich als Spätfolge nach und nach ihr Augenlicht auf dem rechten Auge verloren hatte. Aber kein Arzt fand die wahre Ursache dafür. Seit Ostern war das Auge vollständig erblindet, was ihr verständlicherweise furchtbar zusetzte, sodass es Alexandra momentan nicht sehr leicht mit ihr hatte.

Die seufzte, „Ich bekomme es zum ersten Mal nicht aus ihr heraus.“ Alexandra warf den Putzlappen so frustriert in den Eimer, dass es nach allen Seiten spritzte. „Manchmal steht mir das ganze Elend echt bis hierhin.“ Sie hob ihre Hand bis unter ihr Kinn.

Dieser eine Satz bewirkte, dass Pia postwendend ein schlechtes Gewissen bekam. Sie jammerte herum, weil sie ein Jahr lang das machen musste, was Alexandra seit fünf Jahren für zwei Kinder ohne jegliches Murren tat
– nämlich für ihre Geschwister zu sorgen.

„Ich rede mal mit ihr“, murmelte sie leise und half Alexandra, Daniels Kleidungsstücke wieder ordentlich in den Schrank zu räumen. „Gibt es eigentlich endlich mal wieder was zu lesen? Ich würde gerne wissen, wie es nun mit Sina weitergeht?“

Alexandra schüttelte den Kopf. „So schnell bin ich auch wieder nicht. Aber ich verspreche dir, du bist die Erste, die das Manuskript zum Lesen bekommt.“

„Und die Einzige! Lexi, wann schickst du es endlich mal an einen Verlag? Ich bin sicher, irgendwo sitzt ein Verlagsleiter, der deine Krimis gerne ins Programm nehmen würde.“

„Ha, bestimmt.“ Alexandras Stimme triefte vor Ironie. „Ich zeige dir gerne mal den Ordner mit den Absagen.“

„Wenn du es nicht versuchst, wird es nie klappen“, versuchte es Pia erneut. Alexandra schrieb seit Jahren an einer Krimireihe über eine schwäbische Kommissarin
– nur für sich und zu Pias Lesevergnügen. Dies hielt Pia aber nicht davon ab, immer mal wieder nachzubohren, wann Alexandra endlich den Mut finden würde, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Komm, wir lassen es uns jetzt gutgehen. Ich hätte noch ein Schlückchen Weißwein im Kühlschrank.“ Alexandra trat vom Schrank zurück, schloss die Türen und sah sich zufrieden im Zimmer um. „Und dann reden wir über was Erfreuliches.“

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